von Florian Harms, dem Chefredakteur von t-online
erschienen im August 2026 im täglichen t-online-Newsletter „Tagesanbruch“ unter dem Titel „AfD-Debatte: Bertolt Brecht würde die Deutschen jetzt warnen“
Ein Gruß an euch, die ihr mich lest,
ihr sollt mich hören. An diesem Tag bin ich seit 70 Jahren tot, und wie es der Brauch ist mit den Unbequemen, hat man mich in Marmor gesetzt, damit ich schweige. Aber ich habe schon zu Lebzeiten das Schweigen für die schlechteste aller Künste gehalten. Darum rede ich heute noch einmal. Es wird eine kurze Rede, denn die Toten haben wenig Zeit.
Ich sehe ein Land, das satt ist und dennoch grollt. Man hat es gelehrt zu misstrauen, und nun misstraut es den Falschen. Nicht denen, die es betrügen, sondern denen, die es warnen. Die Regierungssitze und die Parlamente, die Ämter und Rathäuser taugen dem Volk nicht mehr, und ich frage: Wem nützt es, wenn ihr sie zerschlagt? Wo das Vertrauen fällt, steht nicht die Freiheit auf. Es stehen Männer auf, die laut sind.
Ich kenne die Scharfmacher. Ich habe sie gesehen, als sie das erste Mal kamen, in braunen Röcken, mit einfachen Sätzen für unbequeme Menschen. Man hat sie ausgelacht, dann gewählt, dann angebetet. Am Ende war alles kaputt. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch, habe ich einst geschrieben. Es war eine Warnung, und Warnungen verfallen nicht.
81 Jahre nach dem Ende der Hitlerei laufen jetzt wieder viele hinter denen her, die das Einfache versprechen und das Grausame meinen. Sie tun es unbekümmert, wie man an einem Sommertag ins Wasser geht, ohne zu wissen, wie tief es ist. Der Fisch, sagt man, schwimmt nicht zweimal ins selbe Netz. Der Mensch jedoch schwimmt gern hinein, wenn man das Netz mit blauen Fahnen schmückt und Musik dazu spielt. Ich sehe es und sorge mich.
Denn während ihr darüber streitet, wer den Staat am stärksten hasst, steht im Osten einer und führt Krieg. Ich nenne ihn nicht Feldherr, denn Feldherren führen Heere; er jedoch führt eine Armee von Metzgern, die die Ukraine zerfleischen. Er hat Europa in die tiefste Krise seit 1945 gestürzt und schlägt nun auch nach euch: Drohnen über den Flughäfen, Brandstiftung an den Lagerhallen, Mordkomplotte gegen Firmenlenker, Sabotage an dem, was euch lieb und teuer ist. Schon Hunderte von Fällen wurden gezählt. Und dennoch glauben viele von euch immer noch, man könne diesem Mann mit Kompromissen beikommen. Kann man nicht. Das Böse muss in die Knie gezwungen werden, sonst tritt es euch die Beine weg, das lasst euch von einem sagen, der mehr Böses gesehen hat als ihr alle zusammen. Merkt euch das: Der Krieg ist nicht weit weg. Er ist schon in eurem Keller und stellt die Uhr.
Er hat eilfertige Helfer. Sie stellen euch unsichtbare Fallen, die ihr Filterblasen nennt. Sie schüren die Wut und scheffeln Abermilliarden Dollar: Bunt verpackte Gerüchte, portioniert, geliefert bis ans Bett. Die Direktoren von Facebook, TikTok, YouTube und dem Ding, das sich X nennt, verdienen nicht am Frieden, sondern am Zank. Der Hass klickt besser als die Vernunft, und was besser klickt, wird verstärkt. So haben sie aus euren schlechtesten Eigenschaften ein Geschäft gebaut und nennen es "Gemeinschaft".
Ich sage euch die alte Wahrheit neu. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, habe ich geschrieben. Doch diese Herren und ihre Handlanger haben begriffen, dass man am meisten frisst, wenn man die Moral zuerst verkauft. Sie füttern euch mit Zorn, bis ihr kotzt, und schicken die Rechnung an die Demokratie.
Sorgen habe ich, aber Hoffnung auch. Es gibt in jedem Land die Anständigen. Sie sind nicht die Lautesten, oft sind sie die Müden. Aber sie sind viele, mehr als die Scharfmacher glauben, und ihre Stunde schlägt jetzt. Nicht morgen, wenn das Netz der Fischfänger in Halle, Magdeburg, Schwerin und Rostock zugezogen ist. Nicht übermorgen, wenn der Nachbar mit dem Zündholz schon im Wohnzimmer steht.
Der Anständige ist der, der nicht wegsieht. Der die Lüge standhaft Lüge nennt, auch wenn sie tausendfach geteilt wird. Der dem verrufenen Staatsamt lieber hilft, als es niederzubrüllen. Der weiß, dass Freiheit keine Sommerfrische ist, sondern ein Werk, an dem man täglich baut, weil täglich viele daran sägen.
Also zeigt doch, dass ihr anständig seid! Das wäre in meinem Sinne. Und im Sinne derer vor mir, die auch für dieses Land geschrieben und gelitten haben – der Lessing, der Heine, der Tucholsky, die alle wussten, dass ein Volk seinen Verstand verlieren kann wie einen Handschuh. Das ist es, was ich euch an meinem 70. Todestag durch die Feder eines kleinen Journalisten sagen kann. Steht auf. Ich kann es nicht mehr.